Schriftausstellung

Althochdeutsch 900–1050

Aus dem 9. Jahrhundert sind insgesamt nur drei buchfüllende deutsche Texte erhalten — die deutsche Sprache betritt zaghaft die Bühne der Schrift.

So oder so ähnlich hätte eine Urkunde damals aussehen können. Das hier gezeigte Schreiben entstand 2016 auf der Wachsenburg und erhebt den Gaukler Laut’nHals in den Stand eines Diplom-Dummschwätzers. Der Schreiber, Michael Jacob Ritter de Fisch, war einer der wenigen, die diese alte Schrift ohne Linien mit einer Gänsefeder zu Papier bringen konnten.

Der althochdeutsche Tatian (St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 56) ist die erste bekannte Übersetzung der Evangelien in die deutsche Sprache. Vorlage war die in Latein geschriebene Evangelienharmonie des Tatianus aus dem 2. Jh.

Viele andere bekannte deutschsprachige Texte wurden lediglich an den Rand oder sogar auf die Rückseite anderer Texte geschrieben. Das bekannteste Beispiel ist wohl das Hildebrandlied — auf der Vorderseite des ersten und der Rückseite des letzten Blattes eines codex von ca. 830, der ansonsten lateinische Texte enthält. Aus Platzmangel ist es nur unvollständig überliefert.

Um 900–1050

Erste deutsche Zeilen auf Pergament

Cod. Sang. 56, Evangelienharmonie des Tatian

St. Gallen, um 830

Der althochdeutsche Tatian

In der Schreibstube von St. Gallen entsteht die erste bekannte Übersetzung der Evangelien ins Deutsche. Auf dem aufgeschlagenen Pergament stehen Latein und Althochdeutsch nebeneinander — die junge Sprache lernt von der älteren, wie man Bücher macht.

Urkunde im Stil einer althochdeutschen Schrift

Nachempfunden, 2016

Eine Urkunde, wie sie ausgesehen haben könnte

So mag eine Urkunde des frühen Mittelalters gewirkt haben: dichte Buchstabenreihen ohne Linien, mit der Gänsefeder gesetzt. Michael Jacob Ritter de Fisch ließ auf der Wachsenburg den Gaukler Laut’nHals zum Diplom-Dummschwätzer aufsteigen — Augenzwinkern für eine ernsthafte Schrifttradition.

Hildebrandlied, erste Seite

Um 830, Fulda

Hildebrandlied — Anfang

Auf der Vorderseite des ersten Blattes eines lateinischen codex hat ein Schreiber das Hildebrandlied festgehalten. Die deutschen Verse drängen sich an den Rand des Pergaments — die Heldendichtung ist Beifang einer lateinischen Handschrift.

Hildebrandlied, zweite Seite

Rückseite, abrupt zu Ende

Hildebrandlied — Schluss

Auf der Rückseite des letzten Blattes endet das Lied mitten in der Geschichte: dem Schreiber ging schlicht das Papier aus. So bleibt einer der bedeutendsten Texte der deutschen Literaturgeschichte für immer ein Fragment.